Roadtrip #1

Freitag, 17. Mai 2019

10.37 Uhr. Shit, komplett verschlafen. In 23 Minuten fängt mein Unterricht an - ich brauche 12 Minuten, um mich fertigzumachen, 9 Minuten für’s Kaffeekochen und -trinken und 14 Minuten, um vom Wohnheim zum Büro zu laufen. Das wird nix, soviel Rechnerei bekomme ich auch kurz nach dem Erwachen hin. Irgendwie schaffe ich es trotzdem um 11:04 Uhr im Büro zu sein, sehne mich allerdings nach Sauerstoffzelt und Dusche und muss obendrein noch feststellen, dass meine Schülerinnen noch nicht da sind. Klasse Start in das, was eigentlich ein gut organisierter und entspannter Tag werden sollte. So chaotisch wie der Tag angefangen hat, geht er weiter. Wenig verwunderlich, mein ausgeklügelter Zeitplan ist ja auch schon vor 11 Uhr in die Luft geflogen.
Bis ich mich am späten Nachmittag mit Manfred und Luki treffe, um sämtliche Sachen für den Roadtrip zu kaufen, bin ich eigentlich schon fertig mit der Welt und völlig über den Punkt. Zu dritt machen wir uns auf den Weg zum Narantuul, dem riesigen Schwarzmarkt in Ulaanbaatar, wo man mehr Sachen als bei Real bekommt. Die Jungs denken praktisch. Luki berichtet, dass er ohne Kabelbinder den Roadtrip nicht antreten wird, Manfred, dass er nicht die Absicht hat, ohne Thermoskanne in die Steppe zu fahren. Ich lasse die beiden also in der Haushaltsabteilung zurück und verziehe mich in die Schmuck- und Textilabteilung. Mittags habe ich mich mit Bayra, meiner Arbeitskollegin, unterhalten und gefragt, was man in der Mongolei traditionell macht, damit niemandem auf so einer abenteuerlichen Reise etwas zustößt. Hier haben fast alle Menschen ein rotes Band ums Hand- oder Fußgelenk oder den Hals, oft ist auch noch ein Murmeltierknochen daran befestigt. Die Mongolen glauben, dass Murmeltiere nicht stolpern und sich fast nie verletzen. Trägt man einen der klitzekleinen Fußknochen eines Murmeltiers am Körper, ist man also vor Stürzen sicher. Damit sie nicht verloren gehen und um böse Geister zu verscheuchen, bindet man Kindern kleine Glöckchen an die Schuhe oder um das Fußgelenk. Ich finde den Gedanken sehr schön und suche deswegen auf dem Narantuul nach eben diesen Murmeltierknochen und rotem Garn. So einfach es ist letzteres zu finden, so schwer ist es irgendwo die Knochen aufzutreiben. Na gut, alles klar. Ich bin mit einem Haufen Kindsköpfe unterwegs, Glöckchen sollten also genauso angebracht sein, wie Murmeltierknochen. Zufrieden mit meinen geheimen Shopping-Errungenschaften treffe ich Manfred und Luki irgendwo zwischen Stirnlampen und Schlafsäcken wieder. Es ist schon fast sieben Uhr und die meisten Stände räumen ihre Sachen zusammen und schließen. Für uns ist noch nicht Schluss, wir müssen noch weiter zum Supermarkt. Langsam macht sich Hunger breit und der Food Court im Supermarkt macht das nicht besser. In einem Anflug von Erwachsensein entscheiden wir uns dazu, erst einmal etwas zu essen und dann einkaufen zu gehen, andersrum würden wir vom Hunger geleitet eh nur Mist kaufen. Als wir allerdings eine gute Stunde später mit vollgepackten Tüten vorm Supermarkt stehen, beschleicht mich das Gefühl, dass das vorangestellte Abendessen wenig geholfen hat. Unser Einkauf ähnelt sehr dem vor einem Festivalwochenende…
Es ist nach neun Uhr, als ich zuhause aufschlage und mein Zimmer sieht aus, als wäre ein mongolischer Trupp mit Durchsuchungsbefehl durch meine Bude getobt. Ich schiebe ein paar Sachen auf Seite, lege mich erst einmal aufs Bett und gucke eine Folge Suits. 45 Minuten Verdrängung der Chaos-Realität scheinen mir eine gute Idee zu sein. Bis ich im Bett liege ist es ein Uhr nachts. Das macht um und bei fünf Stunden Schlaf, was mir in Anbetracht der Tatsache, dass ich am nächsten Tag das zweite Mal in meinem Leben und dann gleich für einen ganzen Tag auf einem Motorrad sitzen werde, sehr wenig erscheint. Nebenan spielt meine Zimmernachbarin ihre abendliche Runde Klavier und während die ruhige und unglaublich schöne Musik gedämpft durch mein Zimmer klingt, schlafe ich ein.


Samstag, 18. Mai 2019

Zur Abwechslung bin ich mal pünktliche und stehe um kurz nach halb acht am ausgemachten Treffpunkt. Heute findet der Ulaanbaatar-Marathon statt und ab acht Uhr sind sämtliche Straßen in und um Ulaanbaatar gesperrt. Unser Gedanke war eigentlich vor acht Uhr mit einem Taxi aus der Stadt zu fahren, dann in den Bus zu steigen, bis zum Flughafen zu fahren und von dort noch einmal ein Taxi zum Motorradverleih zu nehmen. Als ich aus dem Haus gehe muss ich feststellen, dass sie Straßensperre wohl schon früher in Kraft getreten ist - es ist weit und breit kein Auto zu sehen. Luki schimpft vor sich hin und betont wieder und wieder, dass der Versorgungsrucksack, den er auf dem Rücken trägt, locker 40 Kilogramm hat und, dass er wirklich keine Lust hat, den durch die halbe Stadt bis hinter die Straßensperre zu schleppen. Alternativen zum Laufen gibt es aber keine und so machen wir uns zu Fuß auf den Weg. Die Stimmung ist wie das Wetter - kühl, bewölkt und leicht drückend.
Wir schmeißen die Taxi-Bus-Taxi-Pläne schnell über Bord und entscheiden uns für einen simplen Taxi-Plan, der uns nicht nur wesentlich bequemer, sondern auch schneller ans Ziel bringt. Der Taxifahrer amüsiert sich sehr darüber, dass die Autoscheiben dank unsrer Sporteinlage am Morgen immer wieder beschlagen und brettert vor sich hin kichernd aus der Stadt. Ich drücke den Jungs meine hastig gebastelten Glöckchen-Bänder in die Hand  mit der Bitte, sie irgendwo bei sich zu tragen - und sei es nur die Jackentasche. Der eine bedankt sich und packt es in die Jackentasche, der andere mault rum, dass es ja ständig klingelt und bindet es sich an den Schuh. Die Logik entzieht sich mir und bis wir beim Motorradverleih sind, bereue ich meine Tat auch schon. Das verdammte Klingeln geht mir tierisch auf den Geist.
Die Dame vom Motorradverleih ist etwas überrascht uns so früh am Tag zu sehen, schiebt mit unsrer Hilfe drei Motorräder aus einem alten Container und ist überzeugt davon, dass das die richtigen Gefährten für unsren Trip sind. Lukis großes Hobby sind Motorräder und glaubt man seinen Erzählungen hat er in den letzten Jahren vermutlich mehr Zeit auf der Rennstrecke verbracht als irgendwo anders. Ein kurzer Blick auf die drei chinesischen Höllenmaschinen, die uns die Dame hingestellt hat, reicht und Luki sagt no. Die Jungs testen also ein Motorrad hier und eines dort und ich stehe wie bestellt und nicht abgeholt am Rand rum. Ich habe farbliche Präferenzen bei den Motorrädern, Ahnung aber keine. Zwei Motorräder sind nach kurzer Probefahrt ausgewählt - das eine mit zickiger Kupplung, das andere mit zickigem Anlasser. Die Dame ist Luki gegenüber äußerst skeptisch und betont immer wieder, dass wir es hier mir wirklich starken Motorrädern (150ccm) zu tun hätten und dass wir bloß vorsichtig fahren sollen. Nach viel Hin und Her und der Versicherung meinerseits, dass ich langsam und vorsichtig fahre, lässt sie sich dann dazu hinreißen, mir das angeblich neuste und stärkste Motorrad zu geben. Ich verspreche ihr, dass ich es nicht an die Jungs abtreten werde und auch aufpasse, dass Manfred und Luki nicht zu schnell fahren. Die Hälfte der Aussage war sogar nicht einmal geflunkert.
Bis wir unsren ganzen Kram auf und an den Motorrädern befestigt haben und startklar sind, ist es kurz vor elf Uhr. Luki kümmert sich noch um Werkzeug, das ein oder andere Ersatzteil, dann werden die Helme aufgesetzt und es geht los. Erster Stopp: die Tankstelle 200 Meter weiter.
So entspannt ich bis hierhin war, so aufgeregt bin ich in dem Moment, als ich auf meinem blauen Motorrad (blau, yeeees!!!) sitze. Alles klar, okay. Schlüssel umdrehen, Kupplung ziehen, Anlasser betätigen und ein bisschen Gas dazu. Maschine läuft, nice! Gang rein, Kupplung laaaaangsam loslassen, Gas dazu und runter vom Hof rollen. Shit, das ist ja wackelig ohne Ende, so wackelig war das letztes Wochenende ohne das ganze Gepäck definitiv nicht! Aaaaaaah, Kurve, uncool. Okay, gemeistert, jetzt konzentrieren, die nächste Kurve kommt. Ja, passt, das geht. Nun den Berg hoch, über die Straße und auf die Tankstelle zu. Mist, Querverkehr. Anhalten am Berg - wo war noch mal die Bremse und… ohoh, die Kiste kippt. Fuck, ist die schwer, das kriege ich niemals ge…. halten. Umgekippt. Das fängt ja gut an. Alleine kriege ich das Motorrad aber auch nicht wieder hoch. Die Jungs sind schon längst an der Tankstelle und wundern sich, wie ich auf der kurzen Strecke verloren gehen konnte. Während Luki tankt, kommt Manfred also zurück, stellt mir das Monster wieder auf und schiebt es an den Fahrbahnrand neben ein Verkehrsschild. Gut, tief durchatmen, das geht schon alles, letzte Woche hat das auch wunderbar geklappt. So ein Sturz zum Anfang ist eigentlich gar nicht so schlecht. Jetzt weiß ich wenigstens, wie das ist und passiert ist auch nichts. Also zumindest mir nicht. Beim Motorrad ist dieses Ding, was bei einem Sturz dafür sorgen soll, dass das Bein nicht unterm Motorrad eingeklemmt wird, ordentlich verbogen. Damit hat es in jedem Fall seine Daseinsberechtigung untermalt und seinen Zweck erfüllt. Vorab haben die Jungs entschieden, dass wir in der Sandwich-Formation fahren. Manfred vorne weg, ich in der Mitte und Luki hinterher. Ich finde die Idee gut - ich hab eh keine Ahnung, wo wir entlang fahren müssen und so kann ich auch nicht verloren gehen. Passt. Inzwischen habe ich mich von meinem kleinen Schock erholt und alle Motorräder sind vollgetankt, es kann also losgehen. Aufsteigen, Ständer wegklappen, Schlüssel umdrehen, Kupplung ziehen, Anlasser drücken und ein bisschen Gas dazu. Manfred fährt los und ich will schnell hinterher. Schnell. Fataler Fehler. Halbwegs spektakulär geht mein Vorderrad in die Luft, der Motor heult auf, aber wegfahren tu ich nicht, da hat das Verkehrsschild nämlich was dagegen. Einen Moment später liege ich wieder neben meinem Motorrad auf dem Boden, diesmal aber mit deutlicher schlechterer Laune. Booooooah, was für ein Dreck, ich hab jetzt schon keinen Bock mehr. Ich bin sauer auf mich und die Welt, verfluche den naiven Gedanken, dass ich nach einem Nachmittag, an dem ich über ein Feld gefahren bin, auf einen Roadtrip durch die Steppe gehen könnte und auf Lukis ewigen Optimismus und sein geeee, mach ma scho hab ich auch eine gute Wut. Helfen tut das aber alles nichts, der Moment, wo ich einen Rückzieher hätte machen können, ist längst vorbei. Ich steige also zum dritten Mal an diesem Tag aufs Motorrad, wische die zwei, drei Wuttränen aus den Augen und los geht’s. Diesmal wirklich!
Nach ein paar Kilometern am Stadtrand entlang geht es auf die Straße Richtung Murun. Schon beim Start-Stopp-Gefahre in der Nähe von Ulaanbaatar ist uns alles andere als warm, als wir eine Weile später aber auf der Landstraße unterwegs sind, fängt trotz sämtlicher Klamottenschichten die Friererei an. An keinem unserer Motorräder funktioniert die Geschwindigkeitsangabe, bei Luki wird nicht einmal der Füllstand des Tanks angezeigt. Mit geschätzten 70 Kilometern pro Stunde fahren wir eine gute Stunde,  dann ist uns dermaßen kalt, dass wir erst einmal für ein Mittagessen anhalten. Die Wünsche sind simpel: Khuushuur und Milchtee. In einem kleinen Laden, der mehr nach einem Wohnzimmer aussieht, gibts also eine Runde Khuushuur und Milchtee für uns und reichlich Getuschel und verwunderte Blicke, als die anderen Gäste feststellt, dass ich nicht bei einem der Jungs mitfahre, sondern tatsächlich auf meinem eigenen Motorrad sitze.
Bevor wir nach Bayankhangai abbiegen, gibt’s die nächste Pause. Jacqueline, Manfreds Motorrad, hat die Seitenverkleidung verloren, worauf Luki mit diebischem Grinsen einen Kabelbinder aus dem Rucksack zaubert und das Motorrad wieder einkleidet. Wer nicht schnell fahren will, sich wenn überhaupt nur per Kickstarter starten lässt und auch noch seine Verkleidung verliert, hat den Namen Jacqueline, wie Winnetouchs Pferd aus Der Schuh des Manitu, mehr als verdient.
Kurz hinter Bayankhangai ist dann auch erst einmal Schluss mit Teer und die Straße geht auf groben Schotter weiter. Wundervoll. Immerhin das Wetter klar langsam auf und die ersten Sonnenstrahlen kommen durch die Wolkendecke. Besser macht das den Schotter  war auch nicht, aber immerhin hebt es die Stimmung und bis meine mühsam zurückgewonnene Entspannung durch die Schotterpiste komplett verloren ist, geht sie in festen Steppenboden über, auf dem man auch mal etwas Gas geben kann. So hab ich mir das vorgestellt, sehr schön! Die mongolischen Straßen haben eine gute Möglichkeit gefunden, wie man sämtliche Fahrer*innen vom Tagträumen abhält: Schlaglöcher. Kaum passt man mal ein, zwei Sekunden nicht auf, kassiert man einen Rückenbrecher und ist wieder zurück im Hier und Jetzt. Nicht schön oder angenehm, aber effektiv. Wir fahren zwischen endlosen grünen Wiesen entlang, über steinige Hügel mit wunderschönen pink blühenden Bäumen, durch Dünen, wo uns der Wind Sand entgegenweht und an einem Salzsee vorbei, an dem es riecht wie an der Küste und über dem kreischende Möwen fliegen.



Als wir die Provinz Töv verlassen und rüber nach Bulgan-Aimag fahren, steht sie Sonne schon recht tief. Wir nutzen die Chance zu tanken, kaufen Wasser und entscheiden uns noch ein bisschen in die Steppe zu fahren, um dort irgendwo unser Lager für die Nacht aufzuschlagen. Mit hochgeklapptem Visier, um im Licht der untergehenden Sonne überhaupt irgendwas zu sehen, folge ich gut gelaunt und zufrieden den beiden Jungs wieder von der befestigten Straße in die Steppe. Nicht viel später beschließen wir, dass es genug für eine Tag ist und machen uns an die Suche nach einem guten Zeltplatz. Die Vorgehensweisen sind dabei sehr unterschiedlich. Während Luki durchs Gestrüpp fährt, sich abmault und mit seinem Motorrad Blumen pflückt, nur um dann festzustellen, dass das kein guter Campingplatz ist, diskutieren Manfred und ich, wie man Himmelsrichtungen, Sonnenstand und Wind gegeneinander abwägen sollte. Am Ende entscheiden wir uns für ein halbwegs grades und verhältnismäßig steinfreies Plateau am Fuß eines Berges, wo der Wind etwas weniger stark weht. Für mich endet der Tag, wie er angefangen hat: ich schmeiße mich mit meinem Motorrad noch einmal hin und liege lachend zwischen irgendwelchen hübschen Büschen zehn Meter vom Ziel entfernt. So rundet man den Tag ab!
Die Sonne ist schon eine Weile untergegangen und eigentlich ist Eile beim Zeltaufbau geboten. Nachdem wir unsre Prioritäten aber absolut im Griff haben, verfallen wir trotz der herannahenden Dunkelheit nicht in Aktionismus, sondern drehen erst einmal die Mukke auf, kippen einen Wodka-Shot und bestaunen den Aufgang des Vollmonds. Die Jungs erklären sich bereit zu kochen. Der eine kriegt den Gaskocher nicht an, der andere packt die Nudeln schon ins kalte Wasser. Ich schüttle lachend und etwas ungläubig den Kopf, mache den Gaskocher an und ziehe mir noch eine Schicht an - der Wind ist unfassbar kalt.


Der Wetterbericht hat -3 Grad für die Nacht angekündigt. Der Wind macht es nicht besser...

Wenig später sitzen wir alle mit einem Löffel bewaffnet im Zelt um den Topf Nudeln mit Soße herum, haben etwas Angst, dass wir nicht genug abbekommen und probieren am Ende noch den anderen die letzten Nudeln vom Löffel zu klauen. Bevor wir einschlafen nuschelt Luki noch zum Glück gibts hier keine nervigen Nachbarn, dann ist es still.
240 Kilometer haben wir heute geschafft. 680 Kilometer sind es bis nach Murun, wo wir uns am Sonntagabend mit Melle treffen wollen. Das macht für morgen also 440 Kilometer und soweit wir wissen, ist die Strecke bis Murun komplett off-road. Hurra!

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