Donnerstag, 23. Mai 2019
Als ich morgens aufwache, ist es um mich rum noch still. Manfred schläft noch und aus dem Nachbarzelt hört man auch noch nichts. In den letzten Tagen bin ich meist aufgewacht, weil mir eiskalt war, heute ist mir unfassbar warm. Zu warm, um genau zu sein. Ich schäle mich aus dem Schlafsack und weil man die Luft im Zelt schneiden kann, mache ich den Zelteingang auf. Die Schafe, auf deren Weide wir vermutlich unser Lager aufgeschlagen haben, tappen in sichere Entfernung an uns vorbei den Fluss entlang und blöken leise vor sich hin. Ich leg mich wieder hin, gucke raus und freue mich über das Schaf-Kino.
Irgendwann wacht Manfred auf, wir schnacken ein bisschen und warten darauf, dass wir ein Lebenszeichen von Melle und Luki hören. Eine Weile später erkundige ich mich mit einem lauten Quick Hiker 3 an Vaude, seid ihr schon wach? nach der Lebenslage im anderen Zelt und bekomme ein mindestens so lautes und gut gelauntes Ja man zurück. Aufstehen will trotzdem niemand. Wir bleiben also alle noch ein bisschen liegen, unterhalten uns von Zelt zu Zelt und zählen weiter Schafe. Letztendlich ist Luki der erste, der aufsteht und draußen Betrieb macht, wir anderen folgen mehr wider- als freiwillig. Die Motivation, mit der wir Frühstück richten, uns fertig machen und alles zusammenpacken, erreicht einen neuen Tiefpunkt. Luki und Melle ziehen los und probieren die Schafe zu streicheln, Manfred spült am Wasserfall und ich dokumentiere beides, während Musik, vermutlich Wanda, durchs Lager schallt.
Der Schlachtplan für heute ist simpel: so weit fahren, wie irgendwie möglich. Vor uns liegen noch etwa 150 Kilometer Teer bis Bulgan und ab da haben wir noch etwa 230 Kilometer Piste und 120 Kilometer Teer bis Ulaanbaatar vor uns. Zumindest das erste Stück Teer und die erste Hälfte Piste haben wir uns vorgenommen. Falls wir noch weiterkommen, ist das prima, muss aber nicht. So ambitioniert der Plan ist, so umambitioniert sind wir und bis wir endlich die Motorräder starten und uns auf den Weg von der Wiese zurück auf die Straße machen, ist es fast halb 1.
Wir sind noch nicht lange unterwegs, als James wieder anfängt bedrohlich zu klappern und diesmal sehe ich auch, was genau da klappert. Das komische Bügel-Dings vorne am Motorrad, damit einem bei einem Sturz das Motorrad nicht aufs Bein fällt, hat eine Mutter verloren und hängt schief in der Gegend rum. Es gibt also den ersten Stop des Tages und Luki wedelt einmal mehr triumphierend mit den Kabelbindern durch die Luft, bevor er das Schutz-Dings (ich weiß wirklich nicht, wie man dieses komische Teil nennt…) provisorisch befestigt. Im Gegensatz zu gestern ist es heute wieder eine Ecke kühler. Uns stört das eher weniger, die ganzen Tiere wiederum sehnen sich wohl nach der Wärme und liegen auf der warmen Teerstraße rum. Wirklich beeindruckt sind sie von uns und den Motorrädern nicht und so müssen wir Slalom fahren - immerhin wird uns so auf der eintönigen Teerstrecke nicht langweilig. Kurz vor Bulgan liegt der Vulkan Uran Togoo, den wir uns als erstes Etappenziel gesetzt haben. Auf der Hinfahrt war der Vulkan kaum zu übersehen, dafür haben wir keinen Wald gesehen - auf der Rückfahrt fahren wir gefühlte Ewigkeiten durch den Wald, sehen dafür den Vulkan nicht. So weit wir uns erinnern können, liegt Uran Togoo etwa 40 Kilometer vor Bulgan. Knapp 30 Kilometer vor Bulgan hält Manfred an und checkt die Lage auf der Karte, weil noch immer weit und breit kein Vulkan zu sehen ist. Es stellt sich heraus, dass Uran Togoo gute 60 Kilometer vor Bulgan liegt, was bedeutet, dass wir unser Etappenziel um entspannte 37 Kilometer verfehlt haben. Kurz spielen wir mit dem Gedanken zurückzufahren, verwerfen ihn aber schnell wieder, weil Manfreds Tankanzeige schon im roten Bereich ist. Nach viel Gelächter und ein bisschen ungläubigem Kopfgeschüttel haken wir Uran Togoo gezwungener Maßen ab und setzen unsre Fahrt Richtung Bulgan ab. Manfred fährt weiter vorneweg, ich in der Mitte und Luki mit Melle hinterher. Dass Jackqueline nicht das stärkste Motorrad ist, wissen wir schon, dass man Manfred deswegen bergauf problemlos überholen kann, haben wir auch schon festgestellt, dass ich nun aber bergab mit Leichtigkeit an ihm vorbeifahren könnte, macht mich stutzig. Ah nee, Manfred bremst. Huch, aber das Bremslicht leuchtet ja gar nicht, das ist merkwürdig. Wir werden langsamer und langsamer und stehen 15 Kilometer vor Bulgan schon wieder am Straßenrand. Tank leer, nice. Auf die Stimmung schlägt die nächste ungeplante Pause aber auch nicht und so wird der große Wasserkanister so lange im Kreis gegeben, bis er so leer wie Jacquelines Tank ist. Dann schnappt sich Luki James, dessen Tank noch fast halb voll ist, und macht sich auf den Weg nach Bulgan. Melle, Manfred und ich liegen unterdessen im Straßengraben, hören Musik und lassen uns die Sonne in die eh schon verbrannten Gesichter scheinen.
Als ich morgens aufwache, ist es um mich rum noch still. Manfred schläft noch und aus dem Nachbarzelt hört man auch noch nichts. In den letzten Tagen bin ich meist aufgewacht, weil mir eiskalt war, heute ist mir unfassbar warm. Zu warm, um genau zu sein. Ich schäle mich aus dem Schlafsack und weil man die Luft im Zelt schneiden kann, mache ich den Zelteingang auf. Die Schafe, auf deren Weide wir vermutlich unser Lager aufgeschlagen haben, tappen in sichere Entfernung an uns vorbei den Fluss entlang und blöken leise vor sich hin. Ich leg mich wieder hin, gucke raus und freue mich über das Schaf-Kino.
Irgendwann wacht Manfred auf, wir schnacken ein bisschen und warten darauf, dass wir ein Lebenszeichen von Melle und Luki hören. Eine Weile später erkundige ich mich mit einem lauten Quick Hiker 3 an Vaude, seid ihr schon wach? nach der Lebenslage im anderen Zelt und bekomme ein mindestens so lautes und gut gelauntes Ja man zurück. Aufstehen will trotzdem niemand. Wir bleiben also alle noch ein bisschen liegen, unterhalten uns von Zelt zu Zelt und zählen weiter Schafe. Letztendlich ist Luki der erste, der aufsteht und draußen Betrieb macht, wir anderen folgen mehr wider- als freiwillig. Die Motivation, mit der wir Frühstück richten, uns fertig machen und alles zusammenpacken, erreicht einen neuen Tiefpunkt. Luki und Melle ziehen los und probieren die Schafe zu streicheln, Manfred spült am Wasserfall und ich dokumentiere beides, während Musik, vermutlich Wanda, durchs Lager schallt.
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| O-Ton Melle: "Aaah, mongolische Gastfreundschaft hier". Dann ist sie losgestapft, hat ein paar Grashalme ausgerupft und sie probiert den Schafen anzudrehen... |
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| ...allerdings erfolglos. Eventuell wäre man mit Wodka erfolgreicher gewesen, es sind schließlich mongolische Schafe! |
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| Vaude in hellgrün, Quick Hiker 3 in dunkelgrün, Manfred in weiß |
Der Schlachtplan für heute ist simpel: so weit fahren, wie irgendwie möglich. Vor uns liegen noch etwa 150 Kilometer Teer bis Bulgan und ab da haben wir noch etwa 230 Kilometer Piste und 120 Kilometer Teer bis Ulaanbaatar vor uns. Zumindest das erste Stück Teer und die erste Hälfte Piste haben wir uns vorgenommen. Falls wir noch weiterkommen, ist das prima, muss aber nicht. So ambitioniert der Plan ist, so umambitioniert sind wir und bis wir endlich die Motorräder starten und uns auf den Weg von der Wiese zurück auf die Straße machen, ist es fast halb 1.
Wir sind noch nicht lange unterwegs, als James wieder anfängt bedrohlich zu klappern und diesmal sehe ich auch, was genau da klappert. Das komische Bügel-Dings vorne am Motorrad, damit einem bei einem Sturz das Motorrad nicht aufs Bein fällt, hat eine Mutter verloren und hängt schief in der Gegend rum. Es gibt also den ersten Stop des Tages und Luki wedelt einmal mehr triumphierend mit den Kabelbindern durch die Luft, bevor er das Schutz-Dings (ich weiß wirklich nicht, wie man dieses komische Teil nennt…) provisorisch befestigt. Im Gegensatz zu gestern ist es heute wieder eine Ecke kühler. Uns stört das eher weniger, die ganzen Tiere wiederum sehnen sich wohl nach der Wärme und liegen auf der warmen Teerstraße rum. Wirklich beeindruckt sind sie von uns und den Motorrädern nicht und so müssen wir Slalom fahren - immerhin wird uns so auf der eintönigen Teerstrecke nicht langweilig. Kurz vor Bulgan liegt der Vulkan Uran Togoo, den wir uns als erstes Etappenziel gesetzt haben. Auf der Hinfahrt war der Vulkan kaum zu übersehen, dafür haben wir keinen Wald gesehen - auf der Rückfahrt fahren wir gefühlte Ewigkeiten durch den Wald, sehen dafür den Vulkan nicht. So weit wir uns erinnern können, liegt Uran Togoo etwa 40 Kilometer vor Bulgan. Knapp 30 Kilometer vor Bulgan hält Manfred an und checkt die Lage auf der Karte, weil noch immer weit und breit kein Vulkan zu sehen ist. Es stellt sich heraus, dass Uran Togoo gute 60 Kilometer vor Bulgan liegt, was bedeutet, dass wir unser Etappenziel um entspannte 37 Kilometer verfehlt haben. Kurz spielen wir mit dem Gedanken zurückzufahren, verwerfen ihn aber schnell wieder, weil Manfreds Tankanzeige schon im roten Bereich ist. Nach viel Gelächter und ein bisschen ungläubigem Kopfgeschüttel haken wir Uran Togoo gezwungener Maßen ab und setzen unsre Fahrt Richtung Bulgan ab. Manfred fährt weiter vorneweg, ich in der Mitte und Luki mit Melle hinterher. Dass Jackqueline nicht das stärkste Motorrad ist, wissen wir schon, dass man Manfred deswegen bergauf problemlos überholen kann, haben wir auch schon festgestellt, dass ich nun aber bergab mit Leichtigkeit an ihm vorbeifahren könnte, macht mich stutzig. Ah nee, Manfred bremst. Huch, aber das Bremslicht leuchtet ja gar nicht, das ist merkwürdig. Wir werden langsamer und langsamer und stehen 15 Kilometer vor Bulgan schon wieder am Straßenrand. Tank leer, nice. Auf die Stimmung schlägt die nächste ungeplante Pause aber auch nicht und so wird der große Wasserkanister so lange im Kreis gegeben, bis er so leer wie Jacquelines Tank ist. Dann schnappt sich Luki James, dessen Tank noch fast halb voll ist, und macht sich auf den Weg nach Bulgan. Melle, Manfred und ich liegen unterdessen im Straßengraben, hören Musik und lassen uns die Sonne in die eh schon verbrannten Gesichter scheinen.
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| Zwangspause #2 |
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| Die Motorraddamen |
Als Luki eine Weile später mit dem vollgetankten James zurück ist, werden die fünf Liter bestes 92er zwischen den Motorraddamen aufgeteilt und wir fahren das letzte Stück nach Bulgan. Leider haben wir schon wieder kein Glück bei der Khuushuur-Suche und essen notgedrungen Zöwin, tanken dann alle Motorräder noch einmal komplett voll und fahren runter ins Dorf, um noch eine Mutter für das Schutz-Dings an meinem Motorrad aufzutreiben und Jackys Hinterrad etwas Luft zu geben. Wie alle kurzen Stopps auf unsrer Reise, zieht sich auch dieser unverhältnismäßig in die Länge und bis wir Bulgan und den Teer endlich hinter uns lassen, ist es später Nachmittag.
Wenn man im Moment von Ulaanbaatar nach Murun auf einer geteerten Straße fahren möchte, muss man erst Richtung Norden nach Darchan fahren, um dann dann quer rüber in den Westen nach Murun weiterzufahren. Fährt man von Ulaanbaatar gleich nordwestlich, so wie wir das gemacht haben, muss man sich zwischen Bayankhangai und Bulgan auf über 200 Kilometer Schlagloch-Piste einstellen. Aber das soll sich in den kommenden Jahren wohl ändern, denn die mongolische Regierung ist fleißig mit dem Straßenbau beschäftigt. Der erste Abschnitt zwischen Bulgan und Orkhon ist schon fertig, allerdings noch nicht eröffnet worden und damit niemand auf die Idee kommt, die Straße vorab schon zu testen, ist alle 400-500 Meter ein kleiner Erdwall errichtet worden. Mit einem Auto kommt man da vermutlich nur sehr schwer rüber, mit Motorrädern geht das aber eigentlich ganz gut. Manfred, Luki und ich haben das auf dem Hinweg schon sehr erfolgreich getestet, also machen wir es auf dem Rückweg jetzt nicht anders. Nach den vielen Stunden auf Asphalt freue ich mich schon wieder auf’s off-road Fahren und die Erdwälle haben auf dem Hinweg auch irgendwie Spaß gemacht. Freudig fahre ich also auf den erste Erdwall zu - abbremsen, runterschalten, Füße von den Stützen und laaaaangsam über den Hügel. Wackelt zwar etwas, aber klappt. Füße wieder hoch, Gas geben, hochschalten und weiter geht’s zum nächsten Erdwall. An der Seite ist die Geschichte ziemlich flach und das Rüberkommen somit kein Kunststück. Wall Nummer drei ist der wohl höchste und obendrein hat er jede Menge große Steine, entspanntes Hinüberrollen kann man sich also abschminken. Manfred vor mir schwankt ein bisschen, kommt aber gut auf die andere Seite. Ich schwanke mindestens genau so sehr, vermutlich eher mehr, rutsche mit dem Hinterrad an der Kante eines Steines blöd weg und liege im Dreck. Mein Sturzzähler klettert damit auf sechs hoch. Melle kommt besorgt angelaufen und erkundig sich nach meinem Wohlbefinden, ich stehe schon wieder, winke ab und zucke mit den Schultern. Jo, passiert eben. Langsam hab ich Übung und der letzte Sturz ist ja auch schon drei Tage her, es wurde quasi mal wieder Zeit auf den Boden der (Fahranfänger-)Tatsachen zurückzukommen - im wahrsten Sinne des Wortes. Auf dem Weg zum nächsten Erdwall finde ich im Vorbeifahren zufällig den Gummibesatz meiner linken Fußstütze wieder, den ich auf dem Hinweg anscheinend hier verloren habe. Ich bin etwas glücklicher darüber als der ein oder andere nachvollziehen kann und steuere mit wesentlich besserer Laune auf den nächsten Hügel zu, fahre mich mit dem Hinterrad fest, schaffe es aber trotzdem irgendwie aufrecht auf die andere Seite und verdrehe nun wieder genervt die Augen. Weil es angenehmer ist unschuldig zu sein, schiebe ich die Schuld auf das im Gegensatz zum Hinweg fast doppelt so schwere Gepäck, behalte diese Theorie aber wohlweislich lieber für mich. Manfred schlägt vor vielleicht doch besser auf der Piste nebenan zu fahren und ich stimme ihm dankbar zu, mich beschleicht das Gefühl, dass die Erdwälle und ich heute keine Freunde mehr werden. Immerhin hab ich die Gummistütze wiedergefunden, das wird im Gelände einiges angenehmer und vor allem stabiler machen - zumindest rede ich mir das ein.
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| Kartencheck |
Nicht viel später erreichen wir Orkhon, fahren über den gleichnamigen Fluss und irren eine Weile im und ums Dorf herum, bis wir die richtige Straße aus der Siedlung heraus finden. Wir fahren ein Stück auf der Schotterpiste hinter einem LKW hinterher, sehen wegen der tief stehenden Sonne und dem ganzen Staub, den der LKW aufwirbelt, fast nichts und sind froh, als der Schotter ein Ende hat und erst in Erde und dann in Sand übergeht. Im Gegensatz zum Hinweg bin ich wunderbar über den Schotter gekommen, im Sand zu fahren funktioniert für mich jedoch ähnlich gut wie im Schnee oder Matsch und so dauert es nicht lange bis ich mal wieder mit dem Boden auf Tuchfühlung gehe. Nummer sieben! Keine zehn Meter neben uns wäre auch eine nette Spur mit wunderbar festgefahrener Erde gewesen, das sehe ich aber leider erst vom Boden aus. Ich rapple mich also wieder hoch, seufze schwer und leicht demotiviert, kriege mein Motorrad immerhin selbst wieder hingestellt und will weiterfahren, aber James nimmt das Gas nicht. Luki ruft von hinten, dass ich vielleicht noch einen Gang einlegen sollte, wenn ich losfahren möchte. Ein Gang, sogar der erste, ist drin, das Hinterrad nicht eingegraben und auch sonst scheint alles okay zu sein. James fährt trotzdem nicht. Tja, kann er auch gar nicht, die Kette ist nämlich runtergesprungen. Zwangspause um 19 Uhr. Von den 120 Kilometern Piste, die wir für heute geplant haben, haben wir noch 80 Kilometer vor uns - die Zeit läuft gegen uns. Zu allem Überfluss ist die Kette nicht einfach nur runtergesprungen, sondern hat sich obendrein auch noch richtig schön verhakt. Luki liegt im Sand, probiert dieses und jenes, stellt fest, dass man eigentlich sämtliche Teile abmontieren müsste, damit man überhaupt an die Kette kommt, hat dann aber doch eine Idee. Zwar entpuppt sich die Idee als wenig zielführend aber das macht nichts, weil Luki schon die nächste Idee hat. Und als er sich auch diese aus dem Kopf schlagen muss, hat er bereits die nächste. Wir anderen drei stehen so hilfreich wie möglich daneben und müssen wegen des scheinbar nicht enden wollenden Kontingents an Ideen und trotz der ungünstigen Situation lachen.
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| Zwangspause #3 |
Eine gute halbe Stunde später ist die Kette wieder dort, wo sie hingehört und wir fahren mit der Sonne im Rücken in die Steppe. Der sandige Untergrund ist in festen Steppenboden übergegangen und so steht unsrem Vorhaben zum Abschluss des Tages noch ein paar Kilometer zu schrubben nichts im Weg. Mit Vollgas geht es zwischen den Bergen hindurch, rechts schlängelt sich am Fuß der Bergkette ein kleiner Fluss entlang, links ziehen sich grüne Wiesen an den Berghängen hoch. Im Licht der Abendsonne sieht es aus wie auf einem der kitschigen Bilder, die im Wohnzimmer meiner Gastgroßeltern hängen. Als ich langsamer und langsamer werde, denke ich erst noch, dass ich vor lauter Träumerei das Gas losgelassen haben, merke dann aber schnell, dass irgendwas anderes nicht stimmt. Kette gerissen - Schicht im Schacht, Ende im Gelände, das war’s für heute. Wir stehen zu viert Mitten in der Steppe, gucken uns das Schlamassel ungläubig an und lachen dann, wenn auch mit einem gefährlichen Unterton. Der Plan ist simpel: Luki und Manfred wollen die Kette ausbauen, dann die 15 Kilometer zurück nach Orkhon fahren und probieren dort eine neue Kette aufzutreiben. Melle und ich suchen einen netten Campingplatz und kümmern uns um Zelte, Holz, Lagerfeuer und Abendessen. Melle und ich entladen die Motorräder, entscheiden uns für den Flusslauf auf der rechten Seite als Zeltplatz und beginnen den Kram dorthin zu schleppen. Wir sind beide zweimal hin- und hergelaufen, bis die Jungs es überhaupt geschafft haben, die Kette auszubauen und James zu uns an den Fluss zu schieben. Nach guten zwei Tagen auf der Straße sind die Handyakkus der Jungs leer und Melles Handy hat auch nur noch eine einstellige Prozentzahl und so überlasse ich Manfred und Luki mein Handy, das immerhin noch gute 20 Prozent hat. An unsrem auserkorenen Zeltplatz haben wir an genau einem Punkt Netz und legen Melles Handy dorthin in der Hoffnung, dass der Akku nicht so bald schwach macht. Die Sonne ist schon untergegangen und mit leichtem Unbehagen sehe ich den beiden Männern nach, wie sie auf ihren Motorrädern hinter den Bergen verschwinden. Für den Weg nach Orkhon reicht das Dämmerlicht auf jeden Fall noch, auf dem Weg zurück in die Steppe wird das aber vermutlich anders aussehen. Nach der ganzen Schlepperei gönnen Melle und ich uns ein Panik-Snickers, gegen mein tierisch schlechtes Gewissen, dass wir meinetwegen in diese Situation geraten sind, hilft das aber auch nicht.
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| Der Blick vom Lager zur Piste, wo Manfred und Luki noch immer probieren die Kette irgendwie auszubauen. |
Während ich die Zelte aufbaue und wegen des gemeldeten Regens für die Nacht mit allen vorhandenen Heringen und Leinen befestige, macht sich Melle auf die Suche nach Feuerholz. Als ich fertig bin, ist es so dunkel, dass ich Melle draußen in der Steppe nicht mehr sehen kann. Ich tiger unruhig durchs Lager, suche Steine für die Feuerstelle, halte immer wieder nach Melle Ausschau, hoffe, dass ich irgendwo am Horizont vielleicht auch schon Manfred und Luki entdecken kann und sammle dann zur Ablenkung Kleinholz, damit ich das Feuer wenigstens schon mal anmachen kann. Irgendwann taucht Melle reichlich erschöpft auf der anderen Seite des kleinen Flusses mit massenhaft Holz auf. Wir schaffen es gemeinsam zum Camp, füttern das Feuer damit und fangen dann schon mal mit dem Kochen an - Reis mit Soße steht auf dem Menü. Mehr können Melle und ich nicht mehr machen und so machen wir es uns am Feuer bequem und warten darauf, dass die Jungs wieder aufkreuzen.
Es ist fast 23 Uhr, als ich irgendjemanden in guter Entfernung Wasser rufen höre und mit doch recht großer Erleichterung sehe ich wenig später Lichter in der Dunkelheit auftauchen und Manfred und Luki auf uns zufahren. Die Jungs schaffen ihre beiden und mein Motorrad noch über den Fluss, fallen blendend gelaunt im Zeltdorf ein und erzählen von ihrer Odyssee in Orkhon:
Auf der Fahrt von Ulaanbaatar nach Murun haben wir schon einmal in Orkhon gehalten, um Wasser zu kaufen und dabei den einarmigen Banditen, der Englisch spricht, kennengelernt. Manfreds und Lukis Plan ist also den einarmigen Banditen wieder zu finden, in der Hoffnung, dass damit das Sprachenchaos ausbleibt. Schöner Plan, aber der kleine Laden an der Ecke ist schon dunkel. Vor dem Shop werden die beiden Jungs dann von drei Mongolen im Auto aufgegabelt, die so betrunken sind, dass sie eh kaum mehr sprechen können, von Englisch ganz zu schweigen. Luki probiert es dann ähnlich wie ich am Tag zuvor, ruft mit meinem Handy Bayra an und bittet sie mit den Worten Mia ist irgendwo in der Steppe, ihr Motorrad ist kaputt und wir wollen hier im Dorf eine neue Kette kaufen. Kannst du übersetzen? um Hilfe. Daraufhin steigen Manfred und Luki zu den drei Mongolen ins Auto und fahren (vermutlich) in Richtung deren Haus. Der Fahrer will sich mit den beiden Jungs unterhalten und guckt während der Fahrt mehr zu den beiden nach hinten, als auf die Straße vor ihm. Wie so viele hier spricht aber auch er kein Englisch, textet die beiden deswegen einfach auf Mongolisch voll und nimmt nebenbei und überhaupt nicht überraschend beinahe eine Mauer mit. Als er mit dem Zeichen, was man wohl als international gültige Aufforderung zum Trinken ansehen kann, die beiden Österreicher eben dazu auffordert und diese die Aufforderung abtun, wendet er das Auto und fährt wieder dorthin zurück, wo er Manfred und Luki vorher aufgegabelt hat. Anstelle der Mauer fällt ihm diesmal fast eine Straßenlaterne zum Opfer. Aber eben nur fast! Die Jungs stehen also wieder vor dem Shop und sind genau so weit wie am Anfang, nur dass jetzt im Shop Licht brennt. Hurra! Leider ist es nicht der einarmige Bandit, der Englisch spricht, der sich um die Uhrzeit in dem kleinen Laden herumtreibt, sondern eine zweiarmige Frau, die kein Englisch spricht. Irgendwie erklären die beiden Männer ihr aber, dass sie jemanden brauchen, der Englisch spricht und so organisiert die zweiarmige Frau den einarmigen Banditen. Nach einem kleinen Plausch empfiehlt der Bandit doch mal im Shop nebenan nach einer Kette zu schauen. Manfred und Luki stapfen also mit dem Banditen und dem stockbesoffenen Mongolen aus dem Auto in den Shop, finden eine Kette, kaufen sie und stehen dann mit ihrer Gefolgschaft wieder auf der Straße - sie brauchen noch Werkzeug! Zusammen fahren sie zu einem anderen Haus, in dem noch Licht brennt, und treffen dort ein paar nur moderat betrunkene Mongolen. Werkzeug haben die zwar auch keines, nach ein bisschen Hin und Her versichert ihnen der einarmige Bandit aber, dass er bis morgen früh um 7 Uhr das richtige Werkzeug für uns organisieren kann. Das war der letzte Hausbesuch in Orkhon für heute und Manfred und Luki machen sich auf den Weg zurück zu Melle und mir in die Steppe.
Ende, aus, Geschichte zu Ende. Melle und ich machen große Augen, lachen hier und da und begleiten die lebhafte Erzählung mit vielen was?, echt?, krass! und ahs und ohs. Das muss dieses Abenteuer sein, von dem alle immer erzählen!
Bis alle nach der ganzen Aufregung des Tages langsam runtergekommen sind, vergeht ein bisschen Zeit. Dann sitzen wir am Lagerfeuer, essen zu Abend und schnacken noch eine kleine Weile. Heute ist unser letzter gemeinsamer Roadtrip-Abend, wirklich realisiert das aber niemand. Als der Wind auffrischt und die ersten Regentropfen fallen, stellen wir Jacky, Feli und Krüppel-Jimmy noch fix als Schutz vor die Zelte und verkriechen uns dann darin.















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